Kaiser Maximilian: ein mittelalterliches PR-Genie

07.04.2019

Er lebte ein glanzvolles Leben als 'letzter Ritter', wollte unbedingt in die Geschichte eingehen und tat daher alles, um nicht in Vergessenheit zu geraten.

Nicht nur bei Maximilian-Aficionados steht derzeit eine Ausstellung im Museum des Goldenen Dachl hoch im Kurs.  Nach genau 60 Jahren sind die 10 originalen Relief-Tafeln des Goldenen Dachls aus dem Landesmuseum Ferdinandeum wieder an ihren Ursprungsort zurückgekehrt. Sie bilden die zentralen Kunst-Stücke einer überaus sehenswerten Ausstellung mit dem Titel: „Was bleibt?“ Eine Schau, die das Leben Maximilians I. im Zeitraffer, leicht verständlich, didaktisch hervorragend aufbereitet und spannend präsentiert.

Maximilians Angst vor dem Vergessen

Das Ausstellungsthema hätte durchaus von Maximilian selbst stammen können. Die Frage, was von ihm nach seinem Tod wohl übrig bleibe, trieb ihn zeitlebens zu Höchstleistungen. Schon in seiner frühesten Jugend begann er an seiner eigenen Legende zu arbeiten. „Mit dem Glockenton des Sterbeglöckleins vergessen zu werden“, wie er sich ausdrückte, wäre ihm ein unvorstellbarer Gräuel gewesen. Die Ausstellung im Museum des Goldenen Dachl widmet sich daher den unvergesslichen Leistungen dieses legendären Potentaten. Im Vordergrund steht natürlich sein ausufernder Hang zur Selbstdarstellung. Der Kaiser hatte zudem einen PR-Vorteil: Er verfügte kraft seines Gesichtes sogar über ein unverwechselbares Logo, seine kühn geschwungene Hakennase. 

In seiner Jugend: ein strahlender Held

Es war von frühester Jugend an Maximilians erklärtes Ziel, den Status eines Helden einzunehmen. Nichts war ihm zu gefährlich, nichts zu anstrengend. Er wusste: Ob auf dem Schlachtfeld oder bei Turnieren – Helden mussten treu, kühn und furchtlos sein. In der Tat: Er machte schon als junger Mann eine blendende Figur. Wallendes blondes Haar, eine markante Hakennase und seine Unerschrockenheit im Kampf ließen schon bald Minnesänger von ihm singen und Frauenherzen höher schlagen. Die Heirat mit der damals reichsten und vermutlich schönsten Königstochter Europas, Maria von Burgund, war – so wie es sich für einen Helden gehört – eine höfische Top-Love-Story im ausgehenden 15. Jahrhundert.

Message Control und Selfie-Attitüden schon im 15. Jahrhunder

Gesang und Lobpreis allein genügten Maximilian beileibe nicht. Was sind denn schon Heldentaten wert, von denen das Volk ein paar mickrige Jahre später nichts mehr wusste? Maximilian war überzeugt: Die kühnen Taten mussten niedergeschrieben werden, schwarz auf weiß. Denn nur so “kumbt die Recht warhait an den tag“. Also gab er insgesamt vier Biographien in Auftrag: eine in Latein gehaltene Autobiographie, plus die Epen “Weißkunig”, “Freydal” und “Theuerdank”. Der Kaiser höchstselbst diktierte seinen Schreibern über Jahre hinweg mannigfaltige Ruhmestaten, die jeweils einem imaginären Helden zugeordnet waren. Die Schreiber hatten die Aufgabe, Maximilians Diktate so spannend wie nur irgend möglich in epische Formen zu gießen. Und weil Eigenlob stinkt, mochte Maximilian nicht als Autor aufscheinen. Auch diesen Part übernahmen die Schreiber.

Maximiian erfindet die moderne Öffentlichkeitsarbeit und die Comics

Ein Zufall spielte Maximilian in die Karten. Johannes Gutenberg hatte eben den Buchdruck erfunden. Maximilian erkannte blitzschnell, welche Möglichkeiten ihm diese Erfindung in Sachen Eigenmarketing bot. Er war nun plötzlich in der Lage, seine ruhmreichen Taten mit Hilfe der ‚schwarzen Kunst’ in hoher, gedruckter Auflage unter’s Volk zu bringen. Um seine ‚Memoiren‘ besser lesbar zu machen, ließ er sogar eine eigene Schrift erfinden, die ‚Theuerdank‘. (Sie wird übrigens immer noch verwendet, nämlich als Titelschrift der New York Times wie im Bild links ersichtlich ist.) Unglaublich aber wahr: Maximilian dachte auch an die Analphabeten und gab hunderte Holzschnitte in Auftrag, die seine Taten bildlich ins rechte Licht zu rücken hatten. Wenn es also einen Urvater der Comics gegeben hat, dann war es mit Sicherheit Kaiser Max.

Der Kaiser als mutiger Jäger in seinem Lieblingsland Tirol 

Maximilian besaß bekanntlich kein Schloss als fixen Regierungssitz, wie zum Beispiel die englische Königin heute eines besitzt. Wenn er gerade keinen Krieg führte bereiste er sein Reich im Stile eines königlichen Kontrolleurs, der höchstpersönlich zum Rechten sah. Dabei bewegte sich der Kaiser nicht etwa mit kleinem Gefolge durch die Lande. Maximilian war stets mit Pomp und Trara, mit hunderten Reitern und Fußsoldaten, mit Prunkwägen und -zelten unterwegs. Und dennoch hatte er ein erklärtes ‚Lieblingsland‘: Tirol. Einerseits des Silbers wegen, mit dessen Erträgen er seine meist völlig sinnlosen Kriegszüge finanzierte. Andererseits war er ein ‘Jäger aus seiner angeborenen Natur und königlichem Gemüt’, der in Tirol seine Erfüllung fand. 

Nachdem er seinen Onkel, Sigmund den Münzreichen, als Herrscher Tirols abgelöst hatte, (der wegen seines legendären Luxuslebens, hunderten Weibergeschichten und sündteuren Alimenten für seine rund 50 unehelichen Kindern finanziell vor dem Ruin stand) widmete sich Maximilian in jeder freien Minute der Jagd. Er war berühmt als unerschrockener Gämsenjäger, der den gewandten Klettertieren in steiler Felswand nachstellte und sie mit einem Wurfspeer (!) zur Strecke brachte. Vorzugsweise vor Publikum, wie zum Beispiel in der Zirler Martinswand. Die Jagd auf Gämsen mit einer Armbrust lehnte er entschieden ab, was ihn mir sehr sympathisch macht. „Weil die Gämsen dann ja keine Chance hätten“, war die Begründung dieses strahlenden waidmännischen Vorbildes.

Im Alter: Kunstmäzen und Humanist

Mit seinem Mäzenatentum setzte Maximilian in seiner zweiten Lebenshälfte neue Maßstäbe. Als Freund des aufkommenden Humanismus, der das irdische Leben nicht nur als Prüfung für das Jenseits sah, förderte er die Profanisierung der Kunst. So berichten die Epen des Ambraser Heldenbuches von weltlichem Prunk und weltlichen Heldentaten. In der Musik förderte der Kaiser neue Instrumente ebenso wie den mehrstimmigen Gesang. Außerdem hielt mit dem Moriskentanz ein ganz und gar weltliches Schauspiel Einzug an seinem Fürstenhof. Ein Tanz, dem er offensichtlich zugewandt war weil er dessen Tänzer in seinem vielleicht schönsten Werk verewigen ließ: in den Reliefs am Goldenen Dachl.

Maximilians Meisterstück: Das goldene Dachl

Was ich an der Ausstellung besonders schätze: Die nunmehr 500 Jahre alten Relieftafeln aus Sandstein, die einst den Söller des Goldenen Dachl zierten, sind jetzt von den Besuchern aus nächster Nähe zu bewundern. Die am Dachl angebrachten Reliefs sind nämlich Nachbildungen, um die Verwitterung der Originale zu vermeiden.

Diese Reliefs sind es, die Maximilian in geheimnisvoll-mystischem, ja einem völlig rätselhaften Licht erscheinen lassen. Der Imperator ist die zentrale Figur am Goldenen Dachl, das ist logisch. Dann aber beginnen die ganz und gar nicht alltäglichen Besonderheiten, die mit Sicherheit auf seinem ‘Mist gewachsen’ sind.

Eine erste Besonderheit ist die Tatsache, dass sich Maximilian auf einem Relief nicht in der gewohnten Profilansicht zeigt, um  seine Nase und damit sein prägnantes Logo in Szene zu setzen. Er zeigt sich ‘nur’ in frontaler Ansicht zwischen zwei Figuren, die jahrzehntelang fehlinterpretiert worden sind. Etwa, um die gleiche Distanz zu den beiden Männern zu dokumentieren?

Nicht genug damit. Hinter den Figuren der Reliefs läuft ein unterbrochenes Schriftband, dessen Bedeutung bis jetzt nicht enträtselt werden konnte. Eine Geheimschrift? Oder nur eine Burleske des stets zu Mummerey, zu Jux und Tollerei neigenden Kaisers?

In ihrer detail- und faktenreichen, bisweilen höchst spannend geschriebenen Monografie „Maximilian I., Habsburgs faszinierender Kaiser“ löst die Historikerin Susanne Weiss dennoch eines der Rätsel, die Maximilian bei der Gestaltung des Goldenen Dachls eingebaut hatte. Und sollte Weiss’ Annahme stimmen, würde das ein neues Licht auf das Verhältnis Maximilians zu seinem Vater werfen.

Maximilians Vater als Hofnarr am goldenen Dachl

Hand auf’s Herz: Wem würde es ernsthaft einfallen, seinen leiblichen Vater als Hofnarren darzustellen? Der mit allen Merkmalen eines Narren im 14. Jahrhundert ausgestattet ist: mit der  charakteristischen Narrenkappe, Eselsohren und einem mit Schellen geschmückten Gewand. Zudem streckt er drei Finger der rechten Hand wie zum Schwur. Für  Susanne Weiss ist es klar, dieser Narr ist kein geringerer als Friedrich III., des Kaisers Vater.

Und wer genau hinsieht, stellt zwei untrügliche Gesichtsmerkmale fest: die Hakennase (von wem sollte sie Maximilian denn sonst haben?) und die vorstehende, hängende Unterlippe. (Die dann bei Maximilians Enkel, dem späteren Spanischen König Karl V. angeblich so enorme Ausmaße angenommen hatte, dass es diesem möglich war, Regentropfen ohne besondere Anstrengungen mit der Unterlippe aufzufangen.)

Weiss entlarvt auch die andere Figur dieser Relieftafel: Es ist Onkel Sigmund (der Münzreiche), der zur Linken Maximilians thront. Auch er ist unschwer an der familiär vertrauten Hakennase erkennbar.

Aber weshalb schauen Friedrich III. und Sigmund der Münzreiche nach rechts zu jener Relief-Tafel am Goldenen Dachl, die Maximilian mit seinen beiden Frauen, der unglücklichen Bianca Maria Sforza und Maria von Burgund darstellt?

Dieses Rätsel harrt noch einer Lösung.

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